Mein liebes Tagebuch - Teil 20 - Sonderausgabe

Mein Name ist Kev Hammer, ich bin Meisterdetektiv und mein Job ist es, Menschen glücklich zu machen.
Es war wieder einer dieser Tage, an denen mein in braunes Schweinsleder gebundenes und vom Geruch der teuren Stilmöbel dieses firmenähnlichen Etablissements angesteckten Tagebuchs vor mir gelegen hat und mich mit seinen weißen, noch unbeschrieben Blättern ansieht. Es schrie förmlich danach einen Eintrag zu wollen, genauso wie die Finanzbücher dieser Firma in der alten, ehemaligen DDR-Stadt.
Die Hitze war nahezu unerträglich und das einzige Geräusch, welches zu hören war, war das brummen des Ventilators, welcher am Schreibtisch meiner Sekretärin stand. Diese blickte sich aus lauter Langeweile alle fünf Minuten in ihren kleinen, aus billigem Horn-Imitat, bestehenden Handspiegel. Die gelegentlich auf ihrer Stirn auftretenden Schweißperlen wischte sie mit einem gebrauchten, von ihrer Großmutter gesticktem Taschentuch weg. Die Stimmung war wie in einer Gruft: still und brütend heiß.
Plötzlich klopfte es an der Türe. Als diese langsam und knarrend aufging, stand da eine umwerfende Blondine. Ihre Lippen waren so rot wie die Piemont-Kirschen in ihre Prachtzeit, ihre Augen waren so blau, dass man meinte in die Tiefen des Ozeans zu blicken und die Echtheit ihre Rundungen war schwer abzuschätzen. Einem Anderen könnte Sie mit ihrem langen, auf der Seite bis zur Taille offenen Kleid beeindrucken, ich aber habe schon vieles gesehen und das lies mich kalt.
Nachdem sie einige Sekunden in der Tür gestanden hat, trat sie selbstbewußt vor mich hin, öffnete ihre Handtasche, griff hinein und zog ein penibel gefaltetes Blatt Papier heraus. „Finden Sie diesen Film“, sagte sie. „Ich zahle einen hohen Preis. Und wenn sie ihn unter 19,99 finden, können sie sich den Rest behalten“. Dann legte sie mir einen Stapel Banknoten vor die Nase. Es roch nach einem verdammten Auftrag, der genau für mich gemacht schien. Nicht umsonst bin ich in der Branche als „der Schnüffler von Görlitz“ bekannt.
Ich blickte sie durch die Nebelschwaden meiner halbgerauchten Havanna an und noch bevor ich die Beine vom Tisch nehmen konnte, stand sie auf und ging zur Tür. „Sie haben zwei Tage, danach kommt mein Mann wieder“, sagte Miss Kurvenwunder und verließ den Schauplatz.
Meine Sekretärin machte keine Anstalten, die Recherchen aufzunehmen und blickte weiterhin alle fünf Minuten in ihren häßlichen Spiegel. Langsam stand ich auf und schritt zum Computer. Das alte Ding hatte auch schon bessere Tage erlebt. Die Tasten waren abgegriffen und die Buchstaben kaum noch zu erkennen. Auch der Monitor hatte von der Hitze braun gezeichnete Spuren, die sein Alter erahnen lassen. In meiner ganzen Coolness schaltete ich den Monitor ein, der mit einem klacken und knistern seinen Dienst aufnahm. Dann blickte ich zum ersten Mal auf den Zettel. Als meine müden und Blut unterlaufenen Augen sahen, was da geschrieben stand, traf mich fast der Umschlag. „Wet Look - Sexy Girls in nassen Klamotten“.
Da mir diese blonde Schönheit nicht nach einer Lesbe ausgesehen hat, vermute ich, dass sie ihrem Schnösel-Macker eine Freude machen will und ich sollte ihr dabei helfen, ihn bei seiner Heimkunft zu überraschen. Oh, wie ich in dieser Hinsicht meinen Job hasse.
Ein Blick in meine alles wissende bluray-disc.de-Filmdatenbank hat mir gezeigt, dass es diesen Streifen noch nicht mal gibt. Aber ich habe kurz zuvor zufällig eine Review-Kopie auf dem unaufgeräumten und nach ewigem Chaos aussehenden Schreibtisch meines Partners mit der kalten Schnauze, Mister Reni, gesehen. Wenn Miss Möchtegern-Supersexy wieder auf der Bildfläche erscheint, dann soll sie diese, etwas abgegriffene, Kopie bekommen.
Weil mir dieser Fall im Handumdrehen wieder gelungen ist, ohne dabei irgendwelche Fixer oder korrupten Cops umlegen zu müssen, werde ich mich belohnen und meinen Feierabend schon jetzt bei zwei oder drei doppelten Whiskey on the Rocks genießen. Ich werfe der Sekretärin, die sich gerade ihre Fingernägel mit einer häßlichen, aber billigen Nagelfarbe bestreicht, die Scheibe auf den Tisch, nehme mir das Bündel Geld und meinen Hut. Dann verlasse ich das Büro. Mal sehen, wen ich in der Bar an der Ecke heute noch treffen werde. Aber das ist eine andere Geschichte...
25.06.2009, 11:22 Uhr
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